Auf der Suche nach sich selbst – eine Gespenstergeschichte

Deepak Chopra 5. März 2012 Originalartikel –  “Seeking the Self . A ghost story”

Die meisten Menschen sind sich ziemlich sicher, dass sie ein „Ich“ haben. Wenn Sie sagen „Ich mag Schokolade“ oder „Ich wähle progressiv“, fragt normalerweise niemand, was Sie mit „Ich“ meinen.

Ist das „Ich“ ein Märchen?

Seit Jahrhunderten überlassen wir die Frage, was das „Ich“ ist, der Philosophie und Theologie.  Was ist so wichtig daran, sich selbst zu kennen?  „Nichts“, sagen die einen. Das „Ich“ ist eine Illusion, welche durch eine Vielzahl an Gehirnfunktionen erzeugt wird. Aus tausenden von Eindrücken, die jede Sekunde den Organismus bombardieren, entsteht ein Gespenst mit dem Namen „Ich“.

Mit einem Schlag ist die  Frage „Wer bin ich?“, die seit Menschen Gedenken  die größten Denker beschäftigt hat, zu einem Märchen geworden.   Die Suche nach dem fassbaren „Ich“ ist ergebnislos. Es gibt keinen Ort, an dem „Ich“ je im Gehirn gefunden wurde. Dies bedeutet, dass „Ich“  entweder überall ist oder dass es „Ich“ nicht gibt.  Wer meint, das „Ich“ sei eine Illusion, macht es sich leicht. Schon der Buddhismus sagt, dass Ereignisse  und Erlebnisse leer und vorübergehend sind und von der Ego-Persönlichkeit erschaffen werden. Sobald wir uns nicht mehr an „ich“, „mich“ und „mein“ klammern, sind wir frei und wissen, dass es kein festes „Ich“ oder Bewusstsein gibt.

Bin „Ich“ nur ein Nebenprodukt chemischer Reaktionen?

Buddhisten und Neurologen können die Menschen auf der Straße nicht davon überzeugen, dass das  „Ich“ ein Märchen ist. Aus einem anderen Blickwinkel ist das „Ich“ die Quelle des Überflusses, des grenzenlosen Potentials, der unendlichen Kreativität und Intelligenz.  Diejenigen, die nur das Sichtbare anerkennen sind nicht mehr die Einzigen, die nicht an das „Ich“ glauben.  Dass es kein „Ich“ gibt, ist mittlerweile nicht mehr nur eine belanglose Debatte.  Es bedeutet, dass das Bewusstsein ein Nebenprodukt chemischer Reaktionen ist.

Warum kann der Zucker in Shakespeares Gehirnzellen schreiben?

Wie haben Chemikalien denken gelernt? Warum kann der Zucker in Shakespeares Gehirnzellen schreiben, der Zucker im Kaffee allerdings nicht? Wer nur das anerkennt, was fassbar und messbar ist,  kann diese Frage nicht beantworten. Mit schier religiöser Überzeugung glauben Materialisten, dass im Zuge der Evolution Chemikalien denken gelernt haben. Das ist wie wenn man den Geist im Felsen oder Baum verehrt. Wenn Gedanken eine Illusion sind, hat auch Spiritualität ihren Wert verloren. Niemand kann bisher erklären, wie Chemikalien die Illusion eines Gedankens erschaffen können. Dabei unterscheidet sich die Illusion eines Gedankens kaum von einem „wirklichen“ Gedanken.

Selbstgemachte Illusion?

Ich glaube an ein höheres „Ich“, das allerdings nicht starr ist. Im Christentum hat jeder eine Seele, die von Gott erlöst wird. Das höhere „ich“ ist das von Gott erschaffene, wahre Wesen eines Menschen. In der indischen Tradition ist das höhere „ich“ zweideutig. Die im Buddhismus vertretene Ansicht, dass die Ego-Persönlichkeit der Grund für unser Leiden ist, findet in der vedischen Philosophie im Maya ihren Ausdruck, welches besagt, dass das  „Ich“ in einer selbstgemachten Illusion gefangen ist. Die Illusion besteht darin, dass die fassbare Welt die Wirklichkeit ist und dass Geld, Status, Besitz, Arbeit und Familie einen Menschen einstufen.  Diese Dinge sind die Requisiten, die das alltägliche „Ich“ und sein Schauspiel am Leben erhalten. In Wirklichkeit sind diese Dinge wie die Wellen im Meer. Eine Welle sieht aus, als wäre sie etwas eigenständiges, aber in  Wirklichkeit ist sie nur ein Ereignis im Meer. Ihre Natur ist nichts als Meer.

Sind wir nur Maschinen mit der Wahnvorstellung menschlicher Würde?

Ob es das „Ich“ wirklich gibt, ist mehr als nur Fachsimpelei. Wenn „ich“ aus dem Ruder läuft, kommt es zu Depressionen, psychologischen Störungen, Verbrechen oder unerklärlichen Verhaltensweisen.  Wenn wir in Wirklichkeit Maschinen mit der Wahnvorstellung menschlicher Würde sind, können wir das  „Ich “ wegwischen und Kriminellen, Depressiven und allen, die Probleme haben, Chemikalien für ihr Gehirn geben.  Die schlimmen Folgen,  das Gehirn chemisch neu zusammensetzen zu wollen, werden immer offensichtlicher. Statt Drogen zu verabreichen, sollten wir herausfinden, wer dieses  „Ich“  wirklich ist.  Was wir unter „ich“ verstehen, verändert die Bedeutung von Kriminalität, Depression, Geisteskrankheit und Beziehungsproblemen. Es ist ein faszinierendes Geheimnis, am Anfang einer spirituellen Suche zu stehen.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Schneider

1 comment to Auf der Suche nach sich selbst – eine Gespenstergeschichte

  • Uta

    Kann es nicht sein, dass das Ich die Inkarnierung beschreibt? Das kleine Kind sagt „Ich“ im Alter zwischen zwei und drei Jahren. Bis dahin lebt es noch sehr verbunden mit der geistigen Welt. Stellen wir ihm nicht den Gegenpol, dh. die ganz leibliche Welt zur Verfügung, so kann es sich nicht richtig inkarnieren. Alle Verhaltensmuster oder Urteilsmuster erfährt es hier im Leiblichen, im Materiellen. Bliebe es im Geistigen, würde es die reine Hingabe leben. Das ist aber nicht im Sinne des Großen Ganzen, denn eine Seele, die inkarniert, braucht das Leibliche, um sich entwickeln zu können, braucht also die Polarität, die es nur hier auf der Erde gibt.
    Vielleicht müssen wir unterscheiden zwischen dem Ich, das geprägt durch die unterschiedlichsten irdischen Erfahrungen sich bildet- und dem Höheren Ich als Funke der geistigen Welt, der sich durch die Erfahrungen im Weltlichen entwickeln darf und immer wieder neu inkarniert, bis alle Zwiespälte, die aus der Verquickung von Hingabe und irdischen Mustern entstehen, beiseite geräumt sind. Diese Verquickungen führen zu Blockaden. Sie zu lösen, ist meiner Meinung nach die Aufgabe, die wir hier auf der Erde haben…

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