“Ich bin der Meister meines Schicksals“ – den freien Willen neu verstehen

Kuh am StrandDeepak Chopra, 28. Dezember 2014

Früher wurde in der Schule das beflügelnde, viktorianische Gedicht „Inviktus“ von W. E. Henley  gelesen, welches den freien Willen als ein Geburtsrecht des Menschen ansieht. Dieses Gedicht beginnt mit dem Satz

„Auch in der dunklen Nacht,

die wie ein Loch mich Schwarz umhüllt,

dank ich der Götterpracht, die meine Seele unbezwingbar macht“

Die hier beschriebenen Gefühle sind nicht nur fromme Worte, sondern Ausdruck von Henleys Lebenserfahrung. Henley wuchs in Armut auf und mit 29 musste ihm wegen einer Tuberkuloseerkrankung ein Bein amputiert werden. Das andere Bein konnte nur nach mehreren Operationen gerettet werden. Während seiner Genesung, fiel Henley dieses Gedicht ein, welches in der triumphierenden Aussage endet, „Ich bin der Meister meines Schicksals, der Captain meiner Seele.“

Dieses Loblied auf den freien Willen lässt sich in vieler Hinsicht widerlegen. Wenn man die Welt nur mit seinen 5 Sinnen wahrnimmt, gibt es keinen Beweis dafür, dass der Mensch eine Seele hat. Dass es im Körper Abläufe gibt, über die wir keinen freien Willen haben, kann hingegen hinlänglich bewiesen werden. Früher wurde menschliches Verhalten größtenteils den Genen zugeschrieben. Derzeit ist es in Mode,  das Gehirn für unsere Gedanken, Worte, Handlungen und Eindrücke verantwortlich zu machen.

Im Alltag ist die Frage, ob wir einen freien Willen haben, kein Thema. Wir handeln, als ob wir unsere eigenen Entscheidungen treffen können.

Verfechter des freien Willens hatten bislang nur wenige Fakten auf ihrer Seite, aber mittlerweile können sie auf genetische und neurowissenschaftliche Untersuchungen verweisen, welche bislang vornehmlich die Vorbestimmung stützten. Es klingt wie ein Widerspruch: Wie sollen uns Gene sowohl beherrschen  als auch die freie Wahl geben? Wie kann das Gehirn Gedanken erschaffen aber gleichzeitig vom Denken beeinflusst sein?

Es gilt den freien Willen mit neuen Augen zu sehen. Der Widerspruch ist in der Tat da.  Gene bestimmen die Farbe unserer Haare und Augen. Aufgrund der neuen Wissenschaft der Epigenetik wissen wir jedoch, dass Gene formbar sind und auf alles reagieren, was wir in der Welt erleben. Dasselbe trifft auch auf das Gehirn zu. Auch wenn die Abläufe des Gehirns den strengen Gesetzen der Physik und Chemie folgen, passen sich Neuronen, Synapsen und Gehirnkreisläufe unserem Lebensstil an.

Es geht daher nicht darum, ob wir einen freien Willen haben oder unser Verhalten vorbestimmt ist, sondern in wieweit freier Wille und Vorbestimmung einander ergänzen und zusammenwirken. Wenn man beispielsweise die Temperatur im Haus mithilfe eines Thermostats einstellt, richtet sich die Heizungsanalage zwar danach, wir können die Temperaturvorgabe jedoch verändern.

Ein gegrilltes Steak wird in den Verdauungsorganen auch nach vorgegebenen Abläufen behandelt, aber wir können entscheiden, statt Fleisch Lachs zu essen. Auch das Gehirn kann daran gewöhnt werden, beispielsweise nur Fleisch und Kartoffeln zu essen. Es lässt  sich aber auch durch neue Gedanken aus einem Artikel über die Vorzüge von Fisch beeinflussen.

Die Frage ist nicht, ob wir einen freien Willen haben oder unser Leben vorbestimmt ist, sondern wie wir Gene und Neuronen kontrollieren können. Auf diesem Gebiet gibt es mittlerweile eine Flut an neuen wissenschaftlichen Untersuchungen. Vor kurzem erschien ein Artikel in der New York Times mit der Frage, „Was wenn Altern nur eine Frage der Einstellung ist? („What if Age Is Nothing but a Mind-Set?“)

In diesem Artikel geht es um die Pionierarbeit der Harvard-Psychologin Ellen Langer, die bereits 1981 untersuchte, in wie weit Altern Kopfsache ist. Schon Adi Shankara, der indische Philosoph aus dem 8. Jahrhundert sagte, dass Menschen alt werden und sterben, weil sie andere Menschen alt werden und sterben sehen.

1981 ließ Langer 8 Männer in ihren Siebzigern 5 Tage lang in einem Umfeld von 1959 verbringen, mit der Musik, dem Fernsehprogramm, den Filmen, Zeitschriften und Nachrichten aus dieser Zeit. Langer hatte zuvor schon Experimente durchgeführt, mit denen sie zeigen konnte, dass Umweltreize das Gedächtnis verbessern und der Geist den Körper verändern kann.

Die Männer waren, abgesehen von ersten Alterserscheinungen, guter Gesundheit. Ihnen wurde gesagt, dass sie sich wie früher verhalten sollten, als sie noch jung waren. Vor diesem Experiment wurden die Männer auf verschiedene Anzeichen von Alterung getestet wie  Griffstärke, Fingerfertigkeit, Hör- und Sehkraft.  Nach 5 Tagen verbesserte sich die Gruppe in 7 von 8 dieser Werte auch überraschend in ihrer Sehkraft. Juroren  bewerteten sie darüberhinaus als „jünger aussehend“ als zuvor.

Vor 33 Jahren ging Prof. Langer mehr oder weniger intuitiv vor, ohne zu wissen, wie Gene und Neuronen sich verändern lassen. Mittlerweile wissen wir, dass Gedanken körperliche Auswirkungen haben.

Inwieweit haben wir unser älter werden selber in der Hand? Seit dem Experiment von 1981 hat sich ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen.  75 war vor 3 Jahrzehnten noch sehr alt, ist heutzutage jedoch vergleichbar mit 55 von damals.

Jeder muss früher oder später alt werden und sterben. Jedoch inwieweit wir diesen Zeitpunkt selber bestimmen können, ist ungeklärt. Die menschliche Weiterentwicklung schreitet jedoch überraschend schneller voran als der Zerfall des Körpers.

Die Kraft, die unsere Weiterentwicklung ermöglicht, ist die bewusste Entscheidung

Henley‘s Zeilen  „Ich bin der Meister meines Schicksals, Ich bin der Kapitän meiner Seele“ entsprechen immer mehr dem neusten Stand der Forschung.

  1. Der Geist kommt vor dem Gehirn.
  2. Entscheidungen verändern Organe, Gewebe und Zellen.
  3. Der Körper ist beweglich, anpassungsfähig und veränderbar.
  4. Gene drücken die Wünsche eines Menschen aus. Der Geist steuert Gene über bestimmte Schalter.
  5. Körper und Geist sind im ständigen Austausch miteinander und werden vom Lebensstil, der Umwelt, in der wir uns aufhalten, unserem Verhalten und unserer Denkweise und Gewohnheiten beeinflusst.
  6. Wer Körper und Geist belebende Botschaften sendet, kann sich wohler fühlen.
  7. Die Weiterentwicklung der Menschheit ist ein Wechselspiel von innerer Ausgeglichenheit und Einklang mit der Umwelt des Planeten.

Entscheidungsfreiheit ist der Schlüssel zur bewussten Weiterentwicklung

Noch wissen wir nicht, inwiefern wir unser Schicksal in die Hand nehmen können. Wir tun gut daran, davon auszugehen, dass unsere Fähigkeit dazu, viel größer ist, als wir derzeit denken.

 

Aus dem Amerikanischen Original ins Deutsche übertragen von Joachim Schneider.

Hier eine Version des Gedichts von Henley von dem Liebesnarr.

http://www.wasmachtdichlebendig.eu/2013/10/30/invictus-i-am-the-master-of-my-fate-du-bist-der-meister-deines-lebenswegs/

 

 

2 comments to “Ich bin der Meister meines Schicksals“ – den freien Willen neu verstehen

  • Es sieht so aus, ob wir vieles mehr in der Hand bezw im Geist haben als wir uns so anschicken. werde mich mal wieder mehr selber an der Nase nehmen. Herzlichen Dank und einen weiteren schönen Jahresstart…. und es ist wirklich zu schade nur unter der Dusche zu singen…

  • Joachim Schneider

    Vielen Dank für Ihren Beitrag!
    Für manche fühlt sich das Leben weniger selbstbestimmt an als für andere, was ich interessant finde und was ein Grund dafür ist, weshalb ich auch die vedische Astrologie recherchiere.
    Herzliche Grüße,
    Joachim Schneider

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