Sich selbst sein

Deepak Chopra 23. April 2018

Um sich selbst zu sein, muss man wissen, wer man ist.

Was heißt es, sich selbst zu sein?

Nicht jeder mag sich, was an fehlender Selbstachtung und Schuldgefühlen liegen kann. Du musst Dich auch nicht mögen, wenn Du gerade nicht stolz auf Dein Verhalten bist oder Dinge gesagt hast, die Du gerne zurücknehmen würdest.

Sich selbst zu sein ist mehr als ob man sich mag und setzt eine gewisse Selbstkenntnis voraus. „Ich“ kann kompliziert sein und schwer fassbar. Ein Zweijähriger, der mit Kreide an die Wand malt, ist genauso sich selbst, wie der Schulhofschläger, der einen Klassenkameraden schikaniert.

Rollen, Gewohnheiten, Erinnerungen und Gelerntes konkurrieren um die Aufmerksamkeit des Geistes. Situationsabhängig drücken wir unterschiedliche Gefühle aus. Bei der Arbeit verhalten wir uns anders als Zuhause. Es muss daher einen Entscheider geben, der eine Rolle auswählt und bestimmt, welche Gefühle und welches Verhalten jetzt angebracht sind.

Die jeweilige Rolle filtert und kontrolliert, was es bedeutet, sich selbst zu sein. Der Musterbürger, der  alles unter Kontrolle hat, jedoch zuhause sein Kind missbraucht, hat verschiedene Gesichter. Abhängig davon welches Gesicht sich zeigt, kann er grausam oder ehrenhaft sein.

Das „Ich“ versteckt bestimmte Seiten vor der Öffentlichkeit. Dies führt zu einem Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen und dem privaten „Ich“. Der Sex- oder Aggressionstrieb können einem Menschen so viel Angst machen, dass das „Ich“ zu einem Gefängniswärter und Unterdrücker wird. Das „Ich“ ist daher eher ein Verkehrspolizist als eine Person und es ist veränderlich und nicht beständig. Schon Rumi, der Dichter, fragte, “Wer bin ich inmitten all dieser Gedanken?“

„Ich“ lässt sich nicht festnageln und fügt immer neue Selbstbeschreibungen hinzu. „Rentner“, „männlich“, „Arzt“, „Ehemann“, „Vater“, „Großvater“, „gebürtiger Inder“ und „Amerikaner“ erheben mittlerweile einen Anspruch auf mich und ich kann sie der Welt als mein „Ich“ präsentieren. Diese Selbstbeschreibungen können wie Kleidungsstücke an- und ausgezogen werden. Wenn eine Selbstbeschreibung beschwert, wird es schwierig, sich selbst zu sein, weshalb dann andere Beschreibungen zumeist den Vorzug erhalten.

Nichtsdestotrotz ist in Jedem von uns eine Stimme, die sagt „Ich will so sein, wie ich wirklich bin“. Das ist der Hilferuf des Gefangenen nach Freiheit. Aber einer Freiheit wovon? Wenn ich aufhöre, mich zu kategorisieren, laufe ich Gefahr, ins gesellschaftliche Abseits zu geraten oder ein Niemand zu werden. Wer keine Rollen mehr spielt, wird vielleicht zum Tier oder verrückt.

Wenn wir uns befreien wollen, in dem wir das “Ich” befreien, werden wir es nicht schaffen. „Ich“ gibt es nur in Verbindung mit bestimmten Absichten und löst sich ansonsten auf. Babys erleben die Welt mit reinem Herzen und voller Staunen und Freude. Niemand würde wieder zum Kind werden wollen, aber wir wollen reinen Herzens sein und staunend Liebe und Erneuerung erfahren.

Was uns behindert ist die Bürde des Ichs, welches ein Leben lang Enttäuschungen, Sorgen und Frustrationen erlebt hat. „Ich“ kann voller eingeschliffener Gewohnheiten und sinnloser Überzeugungen sein. Diese Bürde abzuwerfen ist nicht etwas, was das „Ich“ tun kann, da „Ich“ selber Teil dieser Bürde ist. Wasser kann auch nicht sagen “Ich will nicht nass sein”. Das „Ich“ will alle Wünsche, Gefühle und Erinnerungen fassbar machen. Solange „Ich“ mich fassbar machen muss, kann es jedoch keine Freiheit geben. Um sich selbst zu sein, gilt es dem „Ich“ und seiner Wirklichkeit zu entfliehen. Der Wunsch nach einem Himmel, nach Eden, Nirvana, Erleuchtung, bedingungsloser Liebe, göttlicher Gnade oder Glückseligkeit, geht auf das Bedürfnis nach Freiheit zurück.

Wenn „Ich“ und meine Absichten diese Freiheit nicht finden, muss das Sein diese Freiheit bereits beinhalten und selber frei sein. Wenn Sein ein Gefängnis ist ohne Aussicht auf Freiheit, bringen auch spirituelle Konzepte nichts. Glücklicher Weise kann jeder Mensch testen, was es bedeutet zu sein. Sein ist nicht leer. Sein ist bewusst.  Sein reicht, um sich zu befreien.  Es gilt vom begrenztem zum vollen Bewusstsein zu kommen. Jetzt ist immer die richtige Zeit, so eine Reise anzutreten. Niemand wird Dir Deinen Teil des Seins und Bewusstseins nehmen. Sobald wir auf die innere Stimme hören, die sich selber sein will, vollzieht sich die Reise zum vollen Bewusstsein von selber.

Aus dem Amerikanischen übertragen von Joachim Schneider