Der Placebo Effekt in die Mangel genommen

Deepak Chopra, 12. November, 2018

Der Placebo-Effekt  ist weithin akzeptiert. Eine Fülle an wissenschaftlichen Untersuchungen zeigt, dass dass sich Scheinmedikamente positiv auf die Gesundheit auswirken, wenn wir von deren Wirkung überzeugt sind. Auch jedes richtige Medikament ist dank des Placebo-Effekts wirkungsvoller.

Ohne den Placebo-Effekt haben viele Medikamente jedoch wenig Wirkung. Deswegen fordert die Amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde seit 1962, dass jedes neue Medikament auf seine tatsächliche Wirkung hin getestet wird. Eine Kontrollgruppe bekommt eine Zuckertablette verabreicht, während die Versuchsgruppe das neue Medikament nimmt. Es hat sich gezeigt, dass Placebos bei Schmerzen am Besten helfen und dass Schmerzmittel häufig nicht wirkungsvoller sind als Zuckertabletten.

Früher waren Medikamente durchschnittlich 27% wirkungsvoller als Zuckertabletten, heute jedoch nur  9%. Auch wenn der Placebo-Effekt zunimmt, sind Placebos für die meisten Ärzte doch ein Schwindel, bei dem die Leichtgläubigkeit des Patienten ausgenutzt wird. Ein Risiko ist, dass man nicht vorhersehen kann, wie das Placebo wirkt, wem es nutzt und wie viel.

Obwohl Anti-Depressiva oft nicht wirkungsvoller sind als Zuckertabletten, wird dies Patienten zumeist verschwiegen, damit sie den Glauben an diese Medikamente nicht verlieren.

Es gab immer schon die Hoffnung, dass man den Placebo-Effekt auf ein Molekül reduzieren und dieses schlussendlich in ein Medikament umwandeln kann. Seit ein paar Jahren wird das Gehirnenzym COMT mit dem Placebo-Effekt in Verbindung gebracht. CMOT kann sogar auf ein bestimmtes Gen zurückgeführt werden! Mittlerweile wird nach einem ganzen Molekülkomplex gesucht, dem sogenannten Placebom, um eine biochemische Lösung für das Geheimnis des Placebo-Effekts zu finden.  Lesen Sie hierzu den Artikel  „What if the placebo effect isn’t a trick?“

COMT wird nicht nur als Durchbruch erachtet, sondern gibt der Wissenschaft auch einen Grund zum Aufatmen. Placebos können jetzt genau wie Aspirin oder Penicillin als Materie verstanden werden. Zu versuchen, den Placebo-Effekt wissenschaftlich zu erklären, wird jedoch nicht gelingen. Schon das Zuordnen des menschlichen Genoms hat nicht, wie erwartet, zu einer Lawine an genetischen Behandlungsmethoden geführt.

Ein Placebo kann deshalb nicht molekular erklärt werden, weil es vom Bewusstsein abhängt. Das Bewusstsein begleitet jeden Schritt unseres Weges. Der Placebo-Effekt hängt zu einem großen Teil davon ab, ob der Patient seinem Arzt vertraut, wie warmherzig, selbstbewusst und beruhigend die Verhaltensweise des Arztes ist und wie Körper und Geist die Worte „Das wird Ihnen helfen“ in eine Heilreaktion umwandeln.

Ein Scheinmedikament kann sogar wirken, wenn der Patient weiß, dass es sich um ein Scheinmedikament handelt, das dennoch wirkt. Nicht nur Schmerz kann mit Scheinmedikamenten gelindert werden, sondern auch chronische Störungen oder Knieschmerzen, beispielsweise durch eine Scheinknieoperation.

Wie die Worte, Erwartungen und Herzlichkeit des Arztes oder der Ärztin beim Patienten ankommen, ist nicht molekular. Musik bewegt uns emotional, was sich an den Gehirnchemikalien wie Dopamin im Körper nachverfolgen lässt. Dopamin kann jedoch Musik nicht erklären. Musik von Bach, Beethoven oder den Beatles lässt sich nicht durch eine Tablette ersetzen.

Sobald Placebom wissenschaftlich analysiert ist, wird versucht werden,  das Bewusstsein wegzulassen, was nicht funktionieren kann. Placebos lösen nämlich nur deshalb heilsame körperlichen Reaktionen aus, weil das Bewusstsein dies möglich macht. Das Bewusstsein ist der Körpergeist, der sich ständig in verschiedenen Formen entwickelt und das Leben als ein bewusster kreativer Prozess unterstützt. Wenn wir zum Kern dieses Geheimnisses kommen, wird noch viel mehr als nur der Placebo-Effekt entschlüsselt.

Aus dem Amerikanischen übertragen von Joachim Schneider