Dharma

Joachim Schneider, 8. Dezember 2013 über Dharma, Artha, Kama und Moksha

Folgst du Deiner Bestimmung, auch wenn dies nicht profitabel ist? Oder möchtest Du lieber Dein Auskommen sichern, das Leben genießen oder sogar „aussteigen“ und Dich von den Zwängen dieser Welt befreien? Im Mahabarata, dem indischen Heldenepos, sind 4 Lebensziele beschrieben, Dharma, Artha, Kama und Moksha durch deren Erfüllung ein Mensch sich verwirklichen kann.

1. Dharma

Folgst Du Deiner inneren Stimme, dem, was Dich begeistert, unabhängig davon wie gewinnbringend, erfolgreich, unangenehm oder gesellschaftlich akzeptiert dies ist? Dann gehst Du Deinem Dharma nach. Diesem inneren Ruf zu folgen macht gesund, attraktiv und glücklich und ist der beste und schnellste Weg zu Wohlstand (Artha), Erfolg (Kama) und Befreiung (Moksha). Dem, was Dich begeistert zu folgen, macht Dein Leben trotz der damit womöglich verbundenen Herausforderungen am angenehmsten und gibt Dir die Kraft, Schwierigkeiten zu überwinden.

Das Dharma des Feuers ist Licht und Wärme. Das Dharma der Blume ist die Blüte. Dein Dharma ist Deine Natur, das, was Dich ruft. Dharma ist der innere Ruf der Güte (Sardhana Dharma), des selbstlosen Dienstes (Sanatana Dharma) und Deiner Neigungen, Gaben und Fähigkeiten (Svadharma), um die Gemeinschaft und das Universum „Dhr“ zusammenzuhalten.

Ein sicherer Weg mag weniger Risiken, ein geregeltes Einkommen und gesellschaftliche Akzeptanz mit sich bringen, aber nie das wirkliche Glück oder die Erleuchtung. Wie Krishna in der Bhagavad Gita sagt,

„Besser ist die eigene Pflicht, auch wenn sie nicht verdienstvoll ist, als eine noch so gut erfüllte fremde Pflicht. Die fremde Pflicht ist furchtbeladen und schafft Gefahr.“ (Bhagavad Gita, 3. Kapitel 35. Vers)

Die „fremde Pflicht“ besteht aus gesellschaftlichen Erwartungen und Zwängen, die nicht Deinem inneren Ruf entsprechen. Wer seinen alten Vater nur deshalb versorgt, weil andere Familienmitglieder dies erwarten, tut zwar seine gesellschaftliche Pflicht, folgt aber nicht seinem Dharma. Der Arzt, der lieber Landwirt wäre, tut seine Pflicht, wenn er Patienten versorgt, aber er folgt nicht seinem Dharma. Seinem Dharma folgen, heißt aus innerer Überzeugung zu handeln.

Fragen für Dharma

Was bin ich bereit, umsonst zu tun?

Wo überschneiden sich meine Gaben mit meinen Faszinationen?

Was kann ich besser als jeder andere Mensch?

Was würde mein „Held“ tun?

Wozu stehe ich?

Wie möchte ich dienen?

2. Artha

Ist finanzielle Absicherung, ein geregeltes Einkommen, ein Dach über dem Kopf und Gesundheit vorrangig für Dich? Dann folgst Du Artha.

Wörtlich „Ding“ oder „Reichtum“ ist Artha das Streben nach materiellem Besitz. Artha, ist das notwendige Geld für den Lebensunterhalt und den der Familie, um seinem Dharma nachgehen zu können. Für eine Schriftstellerin mag dies Block und Füller sein, ein Computer, ein Büro und diverse Kontakte zu Verlagen, für eine Yogalehrerin die Zeit und den Raum, um ihre Berufung auszuüben. Der Arzt, der lieber Landwirt wäre und seine Patienten behandelt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist auf einem Artha-Weg.

Fragen für Artha

Was brauche ich konkret, um meine Bestimmung zu erfüllen?

3. Kama

„Folge jedem Wunsch. Er wird Dich zu Gott führen.“

Deepak Chopra

Möchtest Du Dein Leben genießen? Wünschst Du Dir eine erfüllende Beziehung mit einem Traumpartner oder möchtest Du berühmt werden oder ein Meister Deines Fachs? Dann strebst Du nach Kama.

Kama, der Liebesgott, steht für die körperlichen und geistigen Freuden des Lebens, Sex, Luxus, Schönheit, Kunst und gesellschaftliche Anerkennung.

Im Schöpfungslied des Rigveda ist Kama der Ursprung aller Dinge. Leidenschaft ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Auch materielle Wünsche wie ein Haus am Strand sind „funkelnde Sterne, die Dir den Weg zu Deiner wahren Bestimmung zeigen“, laut Deepak Chopra. Auch Yogananda soll gesagt haben, dass solange ein Mensch keine vollkommene Freundschaft mit einem anderen Menschen geschaffen hat, er nicht für Erleuchtung bereit ist. Wer seinen Wünschen nachgeht, kann sie auflösen. Sie zu unterdrücken kann krank machen.

Auch wenn sich die Wünsche nach dem Traumpartner, der Berühmtheit und dem Leben in Saus und Braus erfüllen, ist der Kama-Weg dennoch voller Enttäuschungen. Der Partner ist auch nur eine Mensch, Medaillen verstauben, jemand ist besser als Du, die Scheinwerfer gehen früher oder später aus, Luxus ist nichts Besonderes mehr oder der Aktienmarkt bricht zusammen. Auf dem Kama-Weg behandelt der Arzt, der lieber Landwirt wäre, seine Patienten, weil er gesellschaftliche Anerkennung sucht und andere mit einem luxuriösen Lebensstil beeindrucken möchte.

Fragen für Kama

Genieße ich mein Leben?

Bin ich glücklich?

Was sind meine größten Freuden und Wünsche?

Bin ich von irgendetwas abhängig?

Führen mich meine Vergnügungen zu meiner Bestimmung hin oder davon weg?

4. Moksha

Willst Du die Zwänge und Pflichten des Alltags ablegen, den Leiden der Welt entkommen oder Dich nicht mehr um materielle Dinge kümmern müssen? Dann bist Du auf einem Moksha-Weg. Moksha oder Mukti , wörtlich „Erlösung“, ist die Befreiung von „Maya“, der Illusion vom Ernst des Lebens. Dies kann bedeuten zum gelassenen Beobachter Deiner Rollen zu werden, ein Samadhi, Erleuchtungserlebnis zu haben oder als “Jivan Mukti“ vollkommen losgelöst nicht mehr wiedergeboren zu werden.

Wenn sich auch nicht jeder erleuchten will, so ist das Streben nach Moksha in der Form vom „Aussteigen“ aus dieser Gesellschaft, der Verdrängung der konkreten Wirklichkeit oder der Flucht vor ihr, weit verbreitet. Fernsehen oder im Internet surfen, in die Kneipe gehen, in Urlaub fahren, in Rente gehen, Drogen nehmen oder Lotto spielen, können ein Streben nach Moksha sein, genau wie ein Aufenthalt im Gefängnis oder Krankenhaus. Ein körperlich oder geistig Behinderter, der nicht selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen kann, ein Obdachloser oder jemand, der sich von einem Partner oder den Eltern aushalten lässt, ist auf einem Moksha Weg, wenn die Motivation ist, das Erwirtschaften des Lebensunterhalts anderen zu überlassen.

Die Freiheit von alltäglichen Verpflichtungen macht nicht unbedingt glücklich. Der schönste Film hat ein Ende und auf der Trauminsel wird es früher oder später langweilig. Im Bhagavad Gita wird darauf hingewiesen, wie wichtig es ist seinem Dharma, ergebnisunabhängig nachzugehen, um sich zu erleuchten. Wer nach Befreiung strebt, ohne seiner Bestimmung zu folgen, verfällt allzu leicht in einen Fluchtweg.

In der Tat krempeln nur wenige ihr Leben aufgrund eines Urlaubs oder Aufenthalts im Kloster um. Der Erholungseffekt verpufft nach einer gewissen Zeit wieder und der Alltag setzt ein. Selbst Meditation ist für viele bestenfalls eine Entspannung oder sogar mühselig, wenn die Praktik oder die Philosophie nicht zum Menschen passt. Um seine Bestimmung zu finden und ihr stetig zu folgen, ist Moksha in Form einer spirituellen Praxis wie einer passenden Meditation jedoch hilfreich, auch weil der Mensch sich dadurch innerlich erfüllen und die etwaigen Strapazen und Rückschläge auf dem Dharma-Weg besser verkraften kann. Der Arzt, der lieber Landwirt wäre, ist auf dem Moksha-Weg, wenn er seine Patienten behandelt, um vor seinem betrüblichen Privatleben zu fliehen oder um sich spirituell auszuweiten.

Fragen für Moksha

Wo fühle ich mich frei, wo eingeengt? Wo sitze ich fest?

Wie habe ich mir bisher ein Gefühl von Freiheit verschafft? Was kann ich tun, um mich zu befreien?

Was tue ich, um mich von Gedanken zu befreien, die mich unglücklich machen?

Wie kann ich vermeiden, in meinen Gefühlen gefangen zu bleiben?

Wie kann ich mich davon befreien, mir oder anderen die Schuld zu geben?

Die Motivation entscheidet

Nicht was ein Mensch tut, sondern warum, erklärt, ob er nach Dharma, Artha, Kama oder Moksha strebt. Wer in Afrika einen Wasserbrunnen bohrt, um seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, strebt nach Artha, um gesellschaftliche Anerkennung dafür zu finden, dass er ein gutes Werk tut, nach Kama, um den Zwängen seines Lebens zuhause zu entfliehen oder weil er sich befreien will nach Moksha und weil er sich dazu berufen fühlt, nach Dharma.

Wer meditiert, um gesund zu bleiben, strebt nach Artha, um erfolgreich zu sein, nach Kama, um sich besser zu fühlen oder zu befreien nach Moksha und weil er von Natur aus Gott nahe sein will, nach Dharma. Aus welchem Grund auch immer jemand meditiert, empfehle ich eine passende Meditationspraktik von ganzem Herzen.
Wer jetzt lächelt, um andere für sich zu gewinnen und um beliebt und erfolgreich zu sein, strebt nach Kama. Wer lächelt, um nicht gefeuert zu werden, nach Artha. Wer lächelt, um sich besser zu fühlen und sich von einer schlechten Laune zu befreien, strebt nach Moksha. Wer jetzt von innen heraus lächelt, weil es aus ihm herauskommt, ist in diesem Augenblick auf einem Dharma-Weg.

An diesen Beispielen kann man sehen, dass sich situationsabhängig im Laufe der Zeit die Motivation verändern kann und bestimmte Handlungen auch mehrere dieser 4 Lebensziele miteinander vereinen.

Reihenfolge

Die Rishis, die weisen Lehrer Indiens, waren der Meinung, dass Selbstverwirklichung damit beginnt, seinem inneren Ruf und seinen Neigungen zu folgen (Dharma), um mit den sich daraus ergebenden Tätigkeiten seinen Lebensunterhalt zu bestreiten (Artha) und mit dem verdienten Geld seinen körperlichen und geistigen Freuden nachzugehen (Kama). Wer der eigenen Wünsche überdrüssig geworden ist oder sein Verlangen nicht befriedigen kann, soll dann nach Moksha , Befreiung und Erlösung streben. Moksha in Form von Meditation oder anderen spirituellen Praktiken, wird bereits zum Anfang der Reise zur Begleitung empfohlen, um Friede und Klarheit zu finden. Am glücklichsten ist ein Mensch, wenn er alle 4 Lebensziele Dharma, Artha, Kama und Moksha erreicht.

Was will ich wirklich?

Ob Dharma, Artha, Kama oder Moksha, jeder dieser Wege ist wunderbar. Ein Mensch auf einem Artha-Weg, mit einem guten Einkommen, kann viel Gutes tun. Ein Mensch, der beliebt ist und in einer erfüllten Beziehung (Kama) kann ein Segen für das Umfeld sein. Jemand, der seiner Bestimmung folgt (Dharma) ist eine Inspiration für andere. Wer das Leben mit all seinen Problemen und Krisen gelassen annehmen kann (Moksha), kann eine große Stütze für seine Mitmenschen sein. Was ist Dein stärkster Weg?

Entscheidend ist weniger, welchen Weg Du gehst, als mit wie viel Leidenschaft. Wer einen Weg nur halbherzig geht, entwickelt sich nicht weiter und ist unzufrieden. Wer sich einer Sache voll und ganz widmet, kann einen großen Beitrag für die Gemeinschaft leisten. Nichts stärkt einen Menschen mehr, als wenn er sich einen Wunsch erfüllt. Wer ein Ziel ganz erreicht, kann auch das nächste erreichen. Wenn Du dem folgst, was Dich lebendig macht, wirst Du Deinen einzigartigen Weg finden.

Joachim Schneider 2013

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