Joachim Schneider über Nebenwirkungen in Verbindung mit Meditation, 3. Februar 2017

Seit Jahrtausenden meditieren Menschen, um Ruhe und Klarheit zu finden, sich zu befreien und zu erleuchten. Studien weisen mittlerweile darauf hin, dass Meditation auch Stress abbaut, die Laune verbessert und einen entzündungshemmenden Genausdruck auslösen und dadurch schwerwiegende Krankheiten verhindern kann (Siehe den Artikel über  Genveränderungen und Meditation.) Meditieren ist darüberhinaus nicht schädlich und kann getrost bei Stress und den damit verbundenen Krankheiten angewandt werden, sagt eine von der American Medical Association kürzlich veröffentlichte, ansonsten kritische Analyse über die Meditationsforschung der letzten Jahrzehnte.

Nebenwirkungen?

Studien zeigen jedoch, dass es in Verbindung mit Meditation zu unangenehmen Nebenwirkungen kommen kann. Ob diese Nebenwirkungen darauf zurückgehen, dass zu lange meditiert wurde, oder an der Vorgeschichte eines Menschen liegen, seiner Persönlichkeit, seinem Gesundheitszustand, dem sozialen Umfeld, in dem er sich befindet oder der  Meditationspraktik, wird in diesen Studien jedoch oft nicht nachverfolgt (Morse, 1984; Siehe Scharfetter, 1994; Marovich).

Die mit Meditation in Verbindung gebrachten, teilweise von Meditationskritikern aufgeführten Nebenwirkungen, reichen von körperlichen Empfindungen, wie Müdigkeit, Sitzbeschwerden, Weinen, Zuckungen, Kopfweh, Magenschmerzen, Stressüberempfindlichkeit, auch genannt „RIA“ („Relaxation induced anxiety“) bis zu Teilnahmslosigkeit, einem Verlust der „natürlichen“ Persönlichkeit, sozialem Rückzug, „Meditationssucht“, „Größenwahn“, Wahnvorstellungen, Körperstarre und sogar Selbstmordgedanken (Kutz et. Al. 20xx; Perez-de-Albeniz und Holmes, 2000; Craven, 1989; Andresen, 2000; Walsh & Vaughan, 1993; Wilber und andere, 1986; Allen und andere, 2006).

Chopra Center Empfehlungen bei unangenehmen Nebenwirkungen

Um ungewollte Nebenwirkungen zu verhindern, wird am Chopra Center empfohlen, bei Beschwerden, die in Verbindung mit der Meditationspraktik auftreten, kürzer zu meditieren. Wenn es während der Meditation zu plötzlich auftretenden Schmerzen kommt, soll man es sich noch bequemer machen, das Mantra absetzen und den Schmerz beobachten bzw. die Meditation beenden.

Risiken vergleichbar mit Sport?

In einem im Spiegel erschienenen Artikel über Achtsamkeitsmeditation vergleicht der Psychologe, Psychotherapeut und langjährige Zen Meditierer Gerhard Zarbock die Risiken der von ihm praktizierten  Meditation mit denen beim Sport und hält Marathontraining für weit gefährlicher.  Nur weil manche Menschen sich beim Sport verletzen, kommt Niemand auf die Idee, keinen Sport mehr zu betreiben. Bei der Wahl einer Meditationspraktik und der Intensität, mit der man diese betreiben möchte, gilt es, wie beim Sport, seinen Gesundheitszustand und Vorlieben in Betracht zu ziehen.

Serotonin?

Manche Forscher erklären die Nebenwirkungen von Meditation mit einem Überschuss an Serotonin (Snyder, 1996), einem Wohlfühlhormon, das in Maßen Gelassenheit und Wohlbefinden schenkt und auch durch Sonnenlicht, Sport und gesunde Ernährung angeregt wird. Deepak Chopra, selber gelernter Endokrinologe, erwähnt in seinem kürzlich erschienen Artikel „Heilung von Depression“ jedoch keinen Zusammenhang zwischen Serotonin und Meditation.

Nebenwirkungen zeigen, wie wirkungsvoll Meditation sein kann

Die beschriebenen Nebenwirkungen deuten indirekt die Vorzüge von Meditation an. Weinen ist auch Teil eines Heilungsprozesses. Meditation kann die Müdigkeit oder Schmerzen, die der Körper bereits erlebt, bewusstmachen und uns dabei helfen, noch besser auf den Körper zu hören. Schlaflosigkeit im Zusammenhang mit Meditation ist ein Zeichen, dass Meditation wachmachen kann. Dass Meditation bei manchen Menschen „Größenwahn“ auslösen soll, zeigt auch, dass sie, in Maßen praktiziert, das Selbstbewusstsein stärkt, wie David Simon, der ehemalige Chef-Meditationstrainer am Chopra Center bestätigt. „Meditationssucht“ ist, laut Deepak Chopra, als „positive Abhängigkeit“ ausdrücklich erwünscht. Wenn man zweimal täglich meditiert, entfaltet sich die gesundende Wirkung der Meditation am Besten.

Durch Entspannung ausgelöste Angst (RIA) und Rückzug?

Durch „Entspannung ausgelöste Angst“, auf Englisch „RIA“, „Relaxation induced Anxiety“ wird als eine der Nebenwirkungen von Meditation sowohl in Studien über mühelose als auch anstrengende Praktiken aufgeführt (Shapiro, 1992, Schöll, 1980). Die These ist, dass Meditation stressüberempfindlich macht und dazu führen kann, dass man Konflikten aus dem Weg geht und sich mehr und mehr von Familie, Freunden und sogar dem Beruf zurückzieht. Wenn dem so ist, denkt der Psychoanalytiker Mark Finn (1992) laut darüber nach, ob es nicht empfehlenswerter wäre, Fragen von Beruf und Partnerschaft zufriedenstellend zu klären, bevor man regelmäßig zu meditieren beginnt. Die meisten Menschen, die beispielsweise Deepak Chopras Primordial Sound Meditation praktizieren, gewinnen jedoch mithilfe dieser Meditation mehr Klarheit in Fragen der Partnerschaft, Berufung und ihren wahren Werten und erleben ein harmonischeres Zusammensein.

Stressempfindlichkeit steigt

Was viele Menschen bemerken, die Deepak Chopras Primordial Sound Meditation praktizieren, ist, dass sich die Stressempfindlichkeit aufgrund dieser Meditation in der Tat erhöht. Dies hilft diesen Menschen jedoch dabei, zu erkennen, dass bestimmte Dinge, Nahrungsmittel oder Tätigkeiten ihnen nicht guttun, oder dass manche Personen für sie stressig sind oder die Art und Weise, wie sich der Austausch mit diesen Personen gestaltet. Die meisten Menschen, die regelmäßig meditieren und sich von einer Situation zurückziehen, tun dies nicht aus Angst sondern aufgrund einer neugefunden Unabhängigkeit und weil alternative Lösungen nicht gefruchtet haben. Ein Rückzug vom bestehenden Umfeld mag für die Beteiligten unverständlich sein, besonders wenn sie vom Status Quo profitiert haben. Viele Menschen meditieren jedoch, um eine unbefriedigende Situation hinter sich zu lassen und sich eine andere Welt aufzubauen oder eine höhere Wirklichkeit zu finden. Ein Rückzug aus einem nicht unterstützenden Umfeld kann daher gewollt sein und eine Chance für eine private und berufliche Neuorientierung.

Innenleben

Ob es zu unangenehmen Nebenwirkungen im Zuge einer Meditationspraktik kommt, hat viel mit dem Innenleben des Einzelnen zu tun. In der Meditation verbinden wir uns mit unserem Inneren, wodurch verborgene oder unterdrückte Gefühle, Erinnerungen und Kummer ans Licht kommen können (Kutz et al. (1985a,b). Diese Empfindungen sind zumeist harmlos und vorübergehend (Germer et al., 2005; Walsh, 2000). Der Vorteil beispielsweise von Deepak Chopras Urklangmeditation ist, dass diese Energien, nach und nach, wenn nicht zu lange meditiert wird, auf eine für den Meditierenden verträgliche Weise abgebaut werden. Deepak Chopra spricht von der positiven Wirkung regelmäßiger Meditation, wie wenn man ein Hemd jeden Tag in einem Gebirgsbach wäscht. Früher oder später ist es ganz weiß.

Je traumatischer die unverarbeitete Vergangenheit ist, wenn Jemand Opfer von Missbrauch oder Vernachlässigung war oder mit Alkohol, Drogen oder psychischen Herausforderungen zu kämpfen hat, desto mehr braucht er kompetente Unterstützung beim Meditieren. Bevor Sie meditieren lernen oder an Gruppen- oder mehrtägigen Seminaren teilnehmen, sollten Sie diesbezügliche Anliegen mit der Kursleitung besprechen.

Bei psychischen Störungen meditieren?

Darüber, ob Meditation bei psychischen Störungen geeignet ist, gibt es nur wenige Studien. Bei Borderline und Narzissmus soll Meditation Stress und Aggression abbauen können (Kutz et al., (1985a, b), jedoch bei Schizophrenie, schizoiden Störungen oder Hypochendrie überwältigend sein (Shapiro, 1992, Germer, 2005; Siehe auch Dobkin, 2011 oder Langer, 2007 für eine Zusammenfassung). Bei leichten bis mittelschweren Depressionen soll man in einer Gruppe meditieren und zwar nur wenige Minuten, und falls eine Mantrenpraktik nicht angebracht ist, einfach nur den Atem beobachten, empiehlt Deepak Chopra.  Der Psychologe Gerhard Zarbock rät jedoch bei Depressionen im Anfangsstadium von Achtsamkeitsmeditation ab, da es besonders in dieser Phase wichtig sei, den Kontakt mit anderen Menschen zu suchen, anstatt nach innen zu gehen (Siehe dazu den bereits erwähnten Artikel im Spiegel )

Umfeld

Inwieweit Ihr eigenes soziales Umfeld bzw. die Organisation, die hinter einer Meditationspraktik steht, Ihren Werten entspricht, kann einen großen Einfluss auf Ihr Wohlbefinden mit Bezug auf die Praktik haben und ob sie sich von Ihrem Umfeld zurückziehen oder nicht. Die meisten Meditationen kommen aus einem östlichen Kulturkreis, in dem die Hingabe zur Gruppe bzw. bestimmten religiösen Werten wichtig ist. Meditation wurde usrpünglich auch nur von Mönchen und Nonnen ausgeübt, die sich im Rahmen eines religiösen Ordens oder auf Wanderschaft von der Welt loslösen wollten. Bevor Sie sich an eine Organisation oder ein Umfeld binden, recherchieren Sie deren Glaubensrichtung, Lebensstil und Finanzierung. Der Dalai Lama hat noch 2001 Menschen im Westen davon abgeraten, zum Buddhismus überzutreten.

„Im Westen halte ich es nicht für sinnvoll, dem Buddhismus nachzufolgen. Seine Religion zu ändern ist nicht, wie den Beruf zu wechseln. Die Begeisterung lässt mit der Zeit nach und bald bist Du nicht mehr begeistert und wo bist Du dann? Obdachlos in Dir.“[1]

Die Aussage des Dalai Lamas ist auch für andere Religionen, die im Westen nicht heimisch sind, bedenkenswert, wobei es auch hier immer mehr Gleichgesinnte für fernöstliche Ideen gibt.

Gruppenmeditation

In der Gruppe zu meditieren kann Unterstützung bieten und die Wirkung der Meditation vertiefen. Wenn jedoch Gruppendruck ausgeübt wird, es zu Abhängigkeiten vom Lehrer oder dem Führungspersonal kommt oder Meditationserlebnisse gewertet werden, kann dies Frust oder Minderwertigkeitsgefühle auslösen. In manchen Meditationsgruppen ist es üblich, sich nach der Meditation darüber auszutauschen, was während der Meditation passiert ist. Was als gut gemeinter Austausch gedacht ist, kann leicht ins Gegenteil umschlagen und Menschen vom Meditieren abbringen, wenn sie die in der Organisation als wünschenswert erachteten Meditationserlebnisse nicht haben. Wenn beispielsweise mehrere Teilnehmer einer Meditationsgruppe nach der Meditation immer wieder von einem „goldenen Licht“ sprechen, das sie gesehen haben, Sie dieses Licht jedoch nicht sehen, kann dies dazuführen, dass Sie an dieser Meditationsgruppe über kurz oder lang nicht mehr teilnehmen.

War die Meditation angenehm?

Jeder Mensch erlebt Meditation anders, was auch damit zu tun hat, ob er die Welt bildlich, körperlich oder hörend wahrnimmt. In der Urklangmeditation von Deepak Chopra wird nach der Meditation nur gefragt „War die Meditation angenehm?“ um zu verhindern, dass Menschen ihre Meditationserlebnisse mit denen Anderer vergleichen. Laut Deepak Chopra sind alle Meditationen gleichwertig, ganz egal, ob Sie eine Begegnung mit Buddha hatten oder Gedanken wie „So ein Blödsinn, so eine Zeitverschwendung, das funktioniert nie, ich will aufgeben“. Wenn wir diese Gedanken haben, ist nicht die Zeit, aufzugeben, weil sonst der ganze Stress noch im Körper bleibt, sagt Chopra.

Praktik

Es gibt Studien über Nebenwirkungen von Meditation, die zwar nach bestimmten Praktiken benannt wurden, wie der „Zen-Koller“ oder die „Kundalinikrankheit“, jedoch auch im Zusammenhang mit anderen Praktiken auftreten können (Allen und andere, 2006). Ein Zen-Koller ist ein durch intensives Meditieren entstandener unerträglicher psychischer Druck, der eine Auflösung des Ichs in der Form von Wahnvorstellungen, Weglaufen und Selbstmord auslöst (in Scagnetti-Feurer, 2004). Die „Kundalini-Krankheit“ wird mit Hitzewallungen, Zuckungen, Schütteln, Zittern, Nickbewegungen, Körperschmerzen, Stechen, Taubheitsgefühlen, Schwankungen im Sexualtrieb und Gefühlsausbrüchen in Verbindung gebracht.

Wenn über Nebenwirkungen von Meditation gesprochen wird, taucht in der Literatur der Name „TM“ auf, aber auch das zehntägige Vipassana (Allen et al., 2006), wohl aufgrund der Bekanntheit dieser Praktiken. Nur weil eine Praktik nicht in den Medien angesprochen wird, heißt das nicht, dass sie keine Nebenwirkungen hat und für alle geeignet ist. Ob Meditation für jeden das Richtige ist, wird neuerdings vielfach im Zusammenhang mit dem achtwöchigen, nahezu ganztägigen Achtsamkeitstraining MBSR („Mindfulness based Stress Reduction“) diskutiert, weil es darüber mittlerweile die meiste Forschung gibt.

TM

TM, die „Transzendentale Meditation“ ist eine durch die Beatles bekannt gewordene Praktik, die Millionen von Menschen weltweit gelernt haben. (Lesen Sie hier mehr über  TM, TM Varianten und die Unterschiede zur Primordial Sound Meditation.) Über TM gibt es über 600 wissenschaftliche Studien an 200 verschiedenen Einrichtungen, wobei manche TM Seiten von 380 Studien sprechen. Diese Studien finden jedoch heutzutage unter Wissenschaftlern aufgrund teilweise mangelhafter experimenteller Methodik kaum Akzeptanz. Siehe “Schlechtes Zeugnis für die Meditationsforschung der letzten Jahrzehnte“.

TM fiel früher auch durch besonders hohe Kursgebühren auf und sich dadurch ergebende Fragen darüber, ob Geld und Macht in dieser Organisation wichtiger waren als Entspannung und Seelenheil. Auch behaupteten Manche, wie der Amerikanische Psychiater Robert Lifton, dass diese auf Maharishi Yogi fokussierte Organisation eine Sekte war.  Trotz Klagen durch TM warnen auch die Deutsche Bundesregierung, das Oberverwaltungsgericht und Bundesverfassungsgericht seit 1978, zuletzt 2002 vor den „negativen psychischen Störungen“ durch TM, gestützt auf die sogenannte „Bensheimer Studie“ (Siehe unten), einer nicht-repräsentativen Befragung von ehemaligen jungen TM-Meditierern und deren Eltern.  Kritische Berichte über TM finden Sie u.a. auf trancenet.org,  tmfree.blogspot.de oder suggestibility.org.

TM-Meditierer versichern, dass man problemlos an einem TM-Kurs teilnehmen kann, ohne je mit der Organisation etwas zu tun haben zu müssen.

„Bensheimer Studie“

Eine Eltern- und Betroffeneninitiative gegen Sekten, die AGPF („Aktion für geistige und psychische Freiheit“) führte im Sommer 1980 eine nicht-repräsentative Befragung von insgesamt 67 Personen durch, die etwa zur Hälfte aus jungen TM-Meditierern bestand, fast genau so vielen Eltern und deren Kontakten. Die Befragten hatten sich entweder ursprünglich persönlich an die Sektenberatung gewandt oder waren aus dem Umfeld dieser Personen. Dass die Beschwerden mehr von den Eltern als den Jugendlichen ausgingen, deutet die folgende Aussage von Albrecht Schöll an, dem Autor dieser Studie und Vertreter für Jugendschutz: „Uns sind keine Fälle bekannt, in denen Jugendliche nach Abschluß eines Kurses erklärt haben, sie wollten nicht mehr auf TM-Kurse gehen. Im Gegenteil, die Eltern werden besonders im Anschluß an Kurse bedrängt, den Besuch des nächsten Kurses zu bezahlen.“

Die Befragungen ergaben, dass TM-Meditierer sich immer mehr auf sich selbst fokussierten, sich von Familie und Freunden zurückzogen und ihre beruflichen Ambitionen für TM aufgaben. Schöll erklärt dies mit einer Stressüberempfindlichkeit, welche mittlerweile unter dem Namen „RIA“ „Relaxation induced Anxiety“, einer „durch Entspannung ausgelösten Angst“ bekannt ist. Stressüberempfindlichkeit, so Schöll, führt dazu, dass ein Mensch jegliche Form von Stress und Konflikten mit Anderen meidet und sich von der Gesellschaft zurückzieht. Auch ginge die „natürliche Persönlichkeit“ immer mehr verloren und es kam zu Angst, Wahnvorstellungen, Schuldgefühlen, Depression und Selbstmordgedanken, so Schöll. Diese Beobachtungen wurden angeblich nicht nur unter Intensivmeditierern gemacht, sondern auch unter denen, die nur zweimal 20 Minuten pro Tag meditierten und nicht enger in die TM-Organisation eingebunden waren. Wenn Meditierer unangenehme Erfahrungen mit der Meditation hatten, empfahlen ihre TM-Lehrer länger zu meditieren, was offenbar einen Teufelskreis auslöste.[2] Nur diejenigen, die weniger als eine Stunde täglich meditierten, sollen, laut diesem Bericht, in der Lage gewesen sein, sich von der TM-Organisation zu trennen, was aufgrund der schwierigen finanziellen Situation der Betroffenen ohne Arbeit oder Wohnung nicht leicht war. So ernst diese Vorkommnisse sind, kann dieser offenbar stark von den Sorgen der Eltern geprägte Bericht über TM aus dem Jahre 1980, nicht auf die Millionen von TM-Meditierern weltweit verallgemeinert werden.

MBSR

Über das Achtsamkeitstraining MBSR („Mindfulness based Stress Reduction“), bestehend aus 45 Minuten Yoga, Körper-Scan und Sitzmeditation,  Achtsamkeitsübungen den ganzen Tag über und einem dreistündigen, wöchentlichen  Gruppentreffen, gibt es mittlerweile mehr und bessere Forschungsstudien als über andere Meditationspraktiken (Siehe Goyal et al. 2014). MBSR wurde ursprünglich zur Schmerzbehandlung entwickelt, findet an Universitäten und Krankenhäusern immer mehr Akzeptanz und wird, wie Yoga und andere Geist-Körperpraktiken in vielen Fällen mittlerweile auch von der Krankenkasse bezuschusst. Lesen Sie hier mehr über die MBSR Praktik  und  MBSR Forschung.

Ein Grund dafür, dass MBSR, aber auch Zen oder Vipassana, relativ gut erforscht sind,  ist die Beliebtheit des Dalai Lama und Tibets, auch bei zumeist agnostischen Wissenschaftlern. Der Buddhismus, von dem MBSR kommt, braucht nämlich keinen Gott und sucht die Wahrheit mehr in der intellektuellen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung als in einem Guru oder nur der eigenen Intuition (Siehe auch Langer, 2007).

Nur weil die Forschung über MBSR derzeit besser ist als über andere Praktiken, heißt das jedoch nicht unbedingt, dass MBSR besser ist, auch weil, mit Ausnahme des Ornish Spectrum Programms Meditationspraktiken wie Primordial Sound Meditation, TM oder RR bislang über keine Studienprogramme mit vergleichbaren, achtwöchigen, ganzheitlichen Traininings verfügen.

MBSR für alle geeignet?

Die Psychotherapeutin und MBSR-Lehrerin Patricia Dobkin und ihre Kollegen sagen, dass, sofern keine psychischen Störungen voliegen, MBSR für alle Menschen geeignet ist (Dobkin et al., 2011). Bei Essstörungen, Schizophrenie oder posttraumatischen Störungen brauche es jedoch erfahrene Therapeuten als Achtsamkeitslehrer, erste Studien weisen darauf hin, dass gerade MBCT („Mindfulness based Cognitive Therapy“) zusammen mit anderen Behandlungsmethoden bei diesen Störungen wirksam sein kann (Didonna, 2009).

Der Begründer von MBSR, Jon Kabat-Zinn bezeichnet die Meditation, die im MBSR Trainingsprogramm verwendet wird, als „harte Arbeit“. Genau wie im Zen oder in Vipassana muss man bei MBSR in einer vorgegebenen, teilweise als unangenehm empfundenen Sitzposition verharren und die Aufmerksamkeit ständig auf diesen Augenblick und auftauchende Empfindungen halten. Im Westen und für Kranke werden die Vorschriften darüber, wie man zu sitzen hat, teilweise weniger streng gehandhabt, aber mühelos ist dieser Weg nicht. (Siehe „Achtsam, konzentriert oder mühelos?“ als Überblick über verschiedene Meditationsformen)

Verstärkt Achtsamkeitsmeditation bestehende Neigungen?

Gerhard Zarbock, der Achtsamkeitsmeditation für eine „sanfte“ Methode mit geringem Schädigungspotenzial hält, räumt jedoch ein, dass diese Praktik manche Menschen passiv machen, Schüchterne noch schüchterner, Selbstkritische noch selbstkritischer und Menschen, die ihre Probleme verdrängen, noch weltfremder. Die Beobachtung, dass Meditation bereits bestehende Neigungen vertieft, muss nicht auf Achtsamkeitsmeditation begrenzt sein, und würde die angebliche Neigung zum „Größenwahn“, die Außenstehende bei manchen Meditierern beobachten, mit einer bereits bestehenden Grundstimmung erklären. Dass Primordial Sound Meditation, laut David Simon, dem verstorbenen, ehemaligen Chef-Trainer für diese Praktik am Chopra Centers, ein schwaches Ego stärken kann, passt jedoch nicht zu diesen Beobachtungen. Langer (2007) spekuliert, dass Achtsamkeit mit einem unbeirrbaren Fokus auf diesen Augenblick Probleme womöglich bewusster machen kann als Konzentration oder Mühelosigkeit. Die Aufmerksamkeit auf den Schmerz kann den Einzelnen jedoch überfordern, sagt der Psychologe Johannes Michalak im bereits erwähnten Spiegel Artikel, gerade bei einer fortgeschrittenen Krebserkrankung, in welchem Fall die Meditation verkürzt oder abgewandelt werden muss. Bei Psychosen rät Michalak zwar nicht von der Achtsamkeitsmeditation ab, hält die Begleitung durch einen erfahrenen Therapeuten jedoch für unverzichtbar.  Für Suchtkranke sei MBSR in der Regel nicht geeignet, könne jedoch am Ende einer Entwöhnungstherapie eingesetzt werden, um Rückfälle zu vermeiden.

Vipassana

Eine Befragung von 27 Vipassana Langzeitmeditierern ergab, dass trotz mehrheitlich positiver Erfahrungen, zwei Drittel auch die eine oder andere unangenehme Nebenwirkungen erlebt hatten und 2 Personen sogar sehr unangenehme (Shapiro, 1992). Erwähnte Nebenwirkungen waren durch Entspannung ausgelöste Angst (RIA), Rückzug vom bisherigen Leben, Langeweile, körperliche Schmerzen, Voreingenommenheit, ein anderes Realitätsbewusstsein, Verwirrung, Orientierungslosigkeit, Depression, Negativität und Meditationssucht (Siehe auch Andresen, 2000).

Anstatt Meditationsunerfahrene gleich an dem zehntägigen Vipassana-Seminar teilnehmen zu lassen, fordern Kritiker eine allmählichere Angewöhnung an diese Praktik. Mittlerweile gibt es vorab Fragebögen und das zehntägige Vipassana Seminar wird bei psychischen Störungen nicht mehr empfohlen. Besonders Reiki soll angeblich nicht zu Vipassana passen. Auch extrovertierte Menschen täten sich mit Vipassana schwer, sagt die Psychotherapeutin Marovich.

Primordial Sound Meditation

Über Deepak Chopras weltweit von Hunderttausenden praktizierte Primordial Sound Meditation, im deutschsprachigen Raum auch als Urklangmeditation bekannt, habe ich bislang keine Berichte über unangenehme Nebenwirkungen gefunden. Dies muss nicht heißen, dass es keine Nebenwirkungen gibt. Primordial Sound Meditation ist „sanft und mühelos“, sagt Deepak Chopra. Meditierer haben nur eine Aufgabe, sich wohlzufühlen und Jeder ist sein eigener Guru. Jeglicher Austausch unter Beteiligten beruht auf Eigeninitiative. Auch müssen Sie ihren Lebensstil nicht ändern oder irgendeinen Glauben annehmen, um diese Praktik ausüben zu können. Wenn Sie bereits eine andere Praktik ausüben und damit zufrieden sind, gibt es keinen Grund, mit Primordial Sound Meditation zu beginnen.

Diese Eigenschaften der Primordial Sound Meditation sind sicherlich ein Grund, weshalb diese Praktik weniger kontrovers diskutiert wird, auch wenn so manche TM Meditierer Deepak Chopra nicht verzeihen wollen, dass er deren Organisation verlassen hat und in der Primordial Sound Meditation jetzt eine ähnliche Meditationspraktik anbietet.

Primordial Sound Meditation verwendet zwar andere Mantren als TM und hat eine andere Organisationsstruktur, ist aber ansonsten eine ähnliche Praktik. Nebenwirkungen, die nicht auf TMs Organisationsstruktur zurückgehen sondern nur auf die TM Meditation, sind daher auch bei der Primordial Sound Meditierern denkbar. Lesen Sie Primordial Sound Meditation, TM und TM-Varianten, um mehr über den Hintergrund dieser Praktiken zu erfahren.

Deepak Chopra über Nebenwirkungen

Fragt man Deepak Chopra über unangenehme Nebenwirkungen der Primordial Sound Meditation, sagte er vor vielen Jahren, dass diese nur auftreten, wenn wir uns “gedanklich anstrengen oder uns Gedanken widersetzen oder versuchen, konzentriert zu bleiben. Diese Bemühungen halten den Geist davon ab, sich spontan auszuweiten. Wenn Du vor der Meditation unruhig und aufgewühlt bist, ist es am Besten, ein paar Minuten leichte Atemübungen zu machen, um den Geist zu beruhigen und danach mit der Meditation zu beginnen. Während Du meditierst, wende nie Zwang an oder drücke gegen Gedanken oder Gefühle. Wenn Du von der Meditation abschweifst, lass das Bewusstsein leicht und mühelos zur Meditation zurückschweifen.“

Mit dieser Aussage deutet Deepak Chopra an, dass Praktiken, die Konzentration betonen oder Gedanken wegschieben wollen, aus seiner Sicht unangenehme Wirkungen haben können.

Primordial Sound Meditation kein „Konzentrationslager“

David Simon hat schon 2009 bei einem Seminar Deepak Chopras in Dublin gesagt, dass Primordial Sound Meditation „kein Konzentrationslager“ ist. Es ist nicht erforderlich, sich bei dieser Meditation anzustrengen und Meditierer können eine Meditation jeder Zeit kurz unterbrechen, wenn sie auf die Toilette müssen. Sein Nachfolger als Chef-Trainer am Chopra Center, David Frawley, empfiehlt jedoch, sich auf den Urklang zu konzentrieren (Siehe Frawleys Artikel hierzu). Frawleys Frau Shambavi Chopra, die nicht mit Deepak Chopra verwandt ist, wird auf Wikipedia auch vormals als Vipassana Lehrerin aufgeführt, einer Praktik, die achtsam und konzentriert ist (Lesen Sie Achtsam, konzentriert oder mühelos? Meditation und Gehirnwellen für mehr Informationen über diese Unterscheidungen.)

Im Stuhl meditieren?

Bilder der neuen Chopra Center Angebote deuten darüberhinaus an, dass man bei Chopras Seminaren mittlerweile auf dem Boden sitzt. Früher wurde die Meditation immer in einem Stuhl sitzend unterrichtet, um allen Teilnehmern, auch denen, die nicht auf dem Boden sitzen können, den Einstieg so leicht wie möglich zu machen. Wenn die Lehrer in einem Stuhl sitzen wird dadurch auch  ein Hierarchiedenken verhindert, zwischen denen, die in einer bestimmten Position auf dem Boden sitzen können und Anderen.

Eigene Erfahrung

In meiner über zehnjährigen Zeit als Urklangmeditationslehrer habe ich neben den vielen positiven Rückmeldungen auch erlebt, dass vielen Menschen anfänglich der Urklang auch außerhalb der Meditation im Kopf herumschwirrt, was jedoch nach und nach abklingt. Dies ist zwar ungewohnt, wird aber zumeist nicht als unangenehm erachtet, und ist ein Hinweis, dass der Urklang wirkt. Auch wenn Konzentration in dieser Praktik nicht erforderlich ist, kann es passieren, dass es zu Kopfschmerzen kommt, wenn sich jemand auf das Mantra konzentriert, was nicht erforderlich ist. In Einzelfällen hat der Urklang so eine starke Wirkung, dass die Betreffenden sich nach wenigen Wochen im Alltag selber beobachten können, was nicht immer als angenehm empfunden wird. Andere Veränderungen sind weniger dramatisch, aber nicht weniger tiefgreifend. Manche Menschen lassen ihrer Kreativität freien Lauf. Ich habe beispielsweise viele Lieder geschrieben, ohne dies je zuvor zu tun, trete regelmäßig in einem Narrenkostüm auf und singe Solo in der Kirche oder im Opernchor.  Ohne unternehmerischen Hintergrund habe ich einen Großteil meiner Zeit der Lehre von Meditation und der Vermittlung von Weiterentwicklungsinhalten gewidmet und wie ich anderen Menschen dabei helfen kann, ihre Bestimmung zu finden. Trotz der hier beschriebenen Nebenwirkungen von Meditation, die nur wenige Menschen betreffen, ist Meditation eine unschätzbar wertvolle Möglichkeit, zu gesunden, sich weiterzuentwickeln und zu verwirklichen.

Die Welt kann schön sein

Wir leben nicht, um zu meditieren, sondern wir meditieren, um zu leben, heißt es am Chopra Center. Damit sich positive Veränderungen durch die Meditation verwirklichen können, ist es wichtig in die Welt hinauszugehen.

Der Nobelpreisträger für Literatur Rabindranath Tagore 1896 weist auf die Schönheit der Welt hin und ermuntert dazu, diese zu erkunden.

„Diejenigen, die gerne sitzen und ihre Augen schließen und meditieren, um zu wissen ob die Welt wahr ist oder nicht, können dies tun. Ich hingegen werde mir mit hungrigen, unersättlichen Augen die Welt am hellichten Tag ansehen.“

Literaturverzeichnis

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[1] Aus dem Buch “Tibet, Tibet”, 2004 von Patrick French, während einer Rede an der Catholic University in the United States in 2001.

[2] Bei anderen Meditationspraktiken wie der Primordial Sound Meditation wird bei unangenehmen Erfahrungen hingegen empfohlen, weniger zu meditieren.