Zorn ist ein Geschenk

Was passiert nervt nicht. Nur wie ich darüber denke, nervt.


Joachim Schneider

Zorn ist eine gesunde und natürliche Reaktion auf Schwierigkeiten. Wenn wir hinterfragen, was uns zornig macht, entdecken wir unsere wahren Werte und Bedürfnisse. Im Zorn steckt viel Energie, die wir dafür verwenden können, unser Leben zu verbessern. Wie eine Sprungschanze kann Zorn den Schub geben, eine überfällige Veränderung im Leben einzuleiten. Zorn ist ein Geschenk, wenn wir seine Energie respektvoll für förderliche Zwecke nutzen.

Was nervt Sie denn? Wenn Sie sich ständig über den Führungsstil Ihres Chefs aufregen, ist Management womöglich Ihre Berufung. In dem, was Sie ärgert, finden Sie Ihre Bestimmung und den Schwung, diese umzusetzen. Ohne andere zu verletzen, wie können Sie aus Ihrem Ärger eine Aufgabe machen, die Ihr Leben und das Ihrer Mitmenschen verschönert?

Zorn unterdrücken macht krank

Wenn wir Zorn unterdrücken, geht er nach innen und beraubt uns unserer Lebensfreude. Aufgestauter Zorn erhöht den Blutdruck, führt zu Hass, Depressionen und Magengeschwüren. Wir werden zum oberflächlichen Smiley Face, das hinten rum andere schlecht macht. Unterschwellige Feindseligkeit sabotiert auch die Beziehungen zu Unbeteiligten.

Ist es gut, die „Sau rauszulassen“?

Auch wenn Zorn gerechtfertigt sein mag, kann er schnell irrational werden.Wütende Menschen neigen zu Drama und Übertreibungen, schaukeln dadurch ihre Gefühle hoch und sehen sich nur noch mehr im Recht. Der Grund, weshalb manche Menschen sich gerne aufregen oder an die reinigende Wirkung von Wutanfällen glauben, ist, dass diese kurzfristig den Stresspegel senken und einen Menschen dadurch unbewusst für einen Ausraster belohnen. Abgesehen von der nicht lange anhaltenden Befriedigung, sich endlich mal ausgetobt zu haben, machen Wutanfälle meist zorniger und hinterher fühlen wir uns schlechter. Aus der Haut fahren oder jemanden anzuschreien löst ein Problem im Allgemeinen nicht und bringt keinen Frieden. Frustriertes nett sein, bis die Bombe explodiert, ist ein unbefriedigender Lebensstil.

Hinter jeder Beschwerde steckt eine nicht gestellte Anfrage

Wenn sowohl seinen Zorn zu unterdrücken als auch „auszuflippen“ einem  schadet, wie können wir unserem Ärger Luft machen und ein Anliegen im Interesse aller Beteiligten klären?

Um von vorneherein zu verhindern, dass sich Unmut aufstaut, fragen Sie sich bereits beim ersten Anzeichen von Verstimmung, was dahinter steckt und wie Sie jetzt sanft darum bitten können, was Sie möchten. Je früher wir ein Anliegen mit den Beteiligten ansprechen, desto größer die Lust am Leben.

Wir handeln unter Berücksichtigung unserer Umstände

Wer glaubt, absichtlich gerempelt worden zu sein, regt sich mehr auf, als jemand der zufällig mit jemandem zusammen  gestoßen ist.  In individualistischen Kulturen denken wir, dass das Verhalten anderer Menschen Zeichen ihrer Persönlichkeit ist und nicht situationsbedingt. Was wir tun erklären wir paradoxerweise  oft mit den bestehenden Umständen. Wenn andere schnell fahren, sind sie „rücksichtslos“, wenn ich schnell fahre, „war ich in Eile, weil ich einen wichtigen Termin hatte“. Wenn ein Fahrzeug auf der Straße schlingert, denken wir der Fahrer ist „nicht ganz bei Sinnen“, während dieser  vielleicht „nur gerade von einem Mitfahrer abgelenkt wurde.“

Wenn jemand Sie „ignoriert“, hat vielleicht gerade sein Chef ihn gerufen, er ist in Gedanken bei einem für ihn wichtigen Thema, oder er hat seine Brille vergessen. Deuten Sie das Verhalten eines Menschen als Ergebnis der Situation, in der sich dieser Mensch befindet, wenn Sie sich nicht über ihn aufregen wollen.

Mitgefühl weckende Geschichte

Was würde Ihnen dabei helfen, für das Verhalten eines Menschen mehr Verständnis aufzubringen? Wenn die Fahrweise eines Autofahrers Sie stört, denken Sie sich eine Geschichte aus, die Ihnen ermöglicht, dessen Verhalten zu verstehen. Vielleicht ist der Fahrer ein Anfänger oder verspätet auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch. Stellen Sie sich vor, Ihr lieber, betagter Großvater ist am Steuer.  Jeder Mensch gibt sein Bestes. Auch wenn Sie glauben, sie würden es in der Situation  „besser“ machen,  versetzen Sie sich in die Lage des anderen Menschen und überlegen sich Umstände, in denen Sie so handeln würden wie dieser Mensch.

Nichts persönlich nehmen

Niemand ist heute aufgestanden, um Sie fertig zu machen.  Auch wenn viele Fernsehsendungen ihre Zuschauer mit solchen Stories vor dem Einschlafen bewahren wollen, sind die meisten Menschen im wirklichen Leben viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als ihre Energie darauf zu verwenden, Ihnen den Tag zu vermiesen. In den seltenen Fällen, in denen Ihnen jemand wirklich zielgerichtet das Leben schwer machen will, sollten Sie Ihrer Gesundheit zuliebe sich nicht auf das Spielchen einlassen, und Ihre Energie auf Frieden richten und das, was Sie in Ihrem Leben gestalten möchten. Je mehr Sie auf eine „Schikane“ reagieren und diese als solche deuten, desto mehr belohnen Sie den Verursacher für sein Verhalten mit Aufmerksamkeit und tragen dazu bei, dass er dieses Verhalten wiederholt.

Wirklichkeit ist das, worauf Du Deine Aufmerksamkeit richtest

Wenn die Unordnung im Zimmer Ihrer Kinder Sie wahnsinnig macht, anstatt in die Schlacht zu ziehen, schließen Sie einfach die Tür und schauen woanders hin, bis Sie sich wieder erholt haben. Blenden Sie das aus, was Sie auf die Palme bringt. Wenn die tägliche Fahrt zur Arbeit zum Albtraum wird, nehmen sie, wenn möglich  eine schönere, staufreie Strecke oder fahren  mit dem Bus, Fahrrad oder der Bahn. Wenn Sie im Stau stehen, sehen Sie dies als eine von Ihrer Seele geschaffene große Gelegenheit, Atemübungen zu machen, über den Sinn Ihres Lebens nachzudenken und sich zu fragen, ob Sie so weitermachen möchten, wie bisher.

Manchmal ist Schweigen die beste Antwort

Dalai Lama

Wütende Menschen ziehen voreilige, oft falsche Schlüsse. In einer angespannten Situation sagen Sie deshalb nicht das erste, was Ihnen in den Kopf schießt, sondern denken sorgfältig darüber nach, bevor Sie sprechen und hören genau zu, was der Andere sagt. Fragen Sie sich, was steckt hinter diesem Zorn? Was steckt hinter den Worten? Vielleicht fühlt sich der Mensch vernachlässigt und nicht geliebt. Es ist  normal, sich zu wehren, wenn man kritisiert wird, aber es ist nicht förderlich, zurückzuschlagen. „Cool“ bleiben kann verhindern, dass eine Situation außer Kontrolle gerät. Von manchen asiatischen Kampfsportarten lernen wir, keinen Widerstand zu leisten, sondern mit der Energie mitzugehen.  Geben Sie einem aufbrausenden Menschen einfach recht, um Energie zu sparen und nicht in ein Scharmützel verwickelt zu werden.  Dale Carnegies Geheimtipp in seinem Buch „Wie man sich Freunde schafft“ ist anderen Menschen immer recht zu geben.

Widersetze Dich dem Bösen nicht.

Vivekananda

Auf eine Frage nicht zu antworten oder gar nichts zu sagen, kann eine angespannte Situation entschärfen, solange Sie es damit nicht übertreiben.  Für Ihr Gegenüber, das gerne mit Ihnen streiten möchte, kann es frustrierend sein, wenn Sie nicht reden. Strafen Sie auf keinen Fall andere mit minuten- oder tagelangem Schweigen, da dies als Missbrauch empfunden werden kann. Gehen Sie Meinungsverschiedenheiten nur dann aus dem Weg, wenn Sie merken, dass Sie die Kontrolle über sich verlieren. Im Schneckenhaus lebt die beleidigte Leberwurst nicht auf.

mit Interesse erkunden

Wiederholen Sie mit anderen Worten, was Ihr Gesprächspartner gesagt hat, um ihm zu zeigen, dass Sie ihn gehört haben. „Dich stört es, wenn ich ein paar Tage lang nicht anrufe?“   Spiegeln Sie den Gemütszustand des aufgeregten Menschen so verständnisvoll wie möglich, ohne eine Wertung vorzunehmen oder den Eindruck zu erwecken, dass Sie das Anliegen nicht ernst nehmen. 

Sprache schafft Wirklichkeit

Ersetzen Sie übertriebene Gedanken mit beruhigenden Worten. Anstatt davon zu sprechen, dass  „alles schrecklich“ und  „ruiniert“  ist, sagen oder denken Sie „Es ist frustrierend und verständlich, dass ich verärgert bin und es ist nicht das Ende der Welt. Jetzt aus der Haut zu fahren wird die Sache nicht lösen. Die jetzige Situation ist eine Herausforderung, die Teil des alltäglichen Lebens ist.“

Vermeiden Sie Worte wie  „Du machst nie“ oder „Du vergisst immer“. Diese Aussagen sind nicht nur nicht richtig, sondern rechtfertigen Ihren Zorn und erwecken den Eindruck, dass es keine Lösung für Ihr Anliegen gibt. Durch abwertende Verallgemeinerungen verprellen und erniedrigen Sie genau die Menschen, die zur Lösung Ihres Anliegens beitragen können. Vermeiden Sie Schuldzuweisungen wie „Du nervst“ und sagen stattdessen „Ich fühle mich  „ungeduldig“, „überhitzt“, „brummig“ oder vielleicht sogar „heiß“, um die Verantwortung für Ihre Gefühle zu übernehmen und dem Gespräch einen anderen Verlauf zu geben. Mit welchen lustigen oder neutralen Umschreibungen für Ihren Gemütszustand möchten Sie Ihre Körperenergie in förderlichere Bahnen lenken?

Erwartungen oder Forderungen zu Wünschen machen

Anstatt zu sagen „Ich muss das haben“, sagen Sie „Ich möchte das gerne“. Zornige Menschen „fordern“ Fairness, Wertschätzung, Zustimmung und dass andere tun, was sie wollen. Aus Erwartungen Wünsche zu machen wirkt befreiend und ist ein Schritt zum Loslassen. Mit „Ich möchte“ oder „Ich darf“  drücken Sie aus, dass Ihr Wohlbefinden nicht davon abhängt, ob sie etwas bekommen oder nicht.

Stell Dir vor, Du bist ein absoluter Herrscher

Wütende Menschen glauben im Recht zu sein. Wenn etwas nicht nach ihrem Willen geht, sehen sie dies als unerhörte Beleidigung. Wenn Sie merken, dass Sie zornig sind, stellen Sie sich vor, Sie sind Ludwig der 14. mit unermesslicher Macht über die ganze Welt. Sie bekommen alles, was Sie wollen und alle Menschen müssen Ihnen in jeder Hinsicht gehorchen.

So verheißungsvoll der Gedanke, dass andere alles tun, was wir sagen, sein mag, bei näherer Betrachtung ist  so ein Dasein sehr langweilig.  Ein großer Reiz im Leben besteht darin, Herausforderungen zu haben und diese zu meistern.

„Doofer“ Humor

Trau nie einem ernsten Menschen. Maharishi Yogi

Zorn ist ein ernstes Gefühl, das auf eine Denkweise zurückgeht, die einen bei genauerer Untersuchung zum Lachen bringen kann. Wenn Sie denken, dass ein Mitarbeiter ein „Drecksack“ ist, anstatt ihn also solchen zu beschimpfen, stellen Sie sich diesen Menschen, wie einen großen Sack voller Dreck vor, der an seinem Schreibtisch sitzt und telefoniert.  Lustige Bilder nehmen dem Zorn seine Schärfe.

Sarkasmus vermeiden

Bei allem Sinn für Humor, lassen sich nicht zu verletzenden Bemerkungen hinreißen, um sich über jemanden lustig zu machen oder ihm das Gefühl zu geben, dass Sie sein Anliegen nicht würdigen. Solche Aussagen heizen die Spannung auf, schüren Hass und können langfristig  giftiger sein als ein hitziger Schlagabtausch. Kehren Sie Unstimmigkeiten, auch nicht mit einem Lachen, unter den Tisch.

Wenn Du merkst, dass Du auf jemanden negativ reagierst, sprich erst, wenn Du Dich ausgeglichen und ruhig fühlst. Deepak Chopra

Wenn Sie spüren, dass Sie hochkochen, verlassen Sie die Situation, falls möglich, bis Sie sich wieder besser fühlen.  Nehmen Sie eine Auszeit, wenn Sie unter Stress stehen und planen wichtige Gespräche, wenn Sie wieder entspannt sind. Wann ist Ihre beste Zeit für „schwierige“ Themen?  Nachts vor dem zu Bett gehen ist vielleicht nicht die beste Zeit, unbezahlte Rechnungen mit dem Partner zu besprechen. Wenn Sie nach der Arbeit etwas Ruhe brauchen, um sich zu erholen, bitten Sie Ihre Familie nach einer herzlichen Begrüßung darum, 15 Minuten lang nicht gestört zu werden. Wenn Sie merken, dass Sie sich Abends streiten, weil Sie müde sind, ändern Sie die Zeiten, zu denen Sie über wichtige Dinge reden.

Ruhe bewahren

Unabhängig davon, was passiert ist oder passieren wird, ist das Wichtigste, die  Ruhe zu bewahren. Wenn Du weißt, dass Du morgen sterben wirst, bewahre jetzt  die Ruhe und iß heute noch was Gutes.

Robert Svoboda

Wenn Sie bereits in Rage sind, bevor Sie etwas tun oder sagen, was Sie hinterher bereuen, zählen Sie bis 10 oder länger und richten die Aufmerksamkeit auf Ihre Atmung oder darauf, dass Ihre Füße nicht stinken oder etwas anderes Lustiges, was das Wutmuster unterbricht. Tiefes Atmen oder beruhigende Bilder können entspannen.  Stellen Sie sich vor, Ihre Nase ist am Magen.  Atmen Sie langsam vom Zwerchfell aus. Während Sie tief ein und ausatmen, wiederholen Sie beruhigende Worte wie  „Nimm es leicht“.  Führen Sie sich ein friedliches Erlebnis aus Ihrer Vergangenheit  oder Fantasie gedanklich vor Augen.

Wenn Sie sich körperlich abreagieren und Ihren Frust abbauen möchten, treiben Sie Sport, gehen Tanzen, spielen Theater, praktizieren langsame, leichte Yogaübungen und Meditation. Eine besonders wirkungsvolle Meditationspraktik ist Urklangmeditation nach Deepak Chopra, mit der Sie Zorn und Stress loslassen können. Wenn Sie täglich üben, werden Sie ausgeglichener und nehmen angespannte Situationen mit mehr Leichtigkeit. Dann können Sie auch all diese Anregungen  im Eifer des Gefechts noch besser anwenden.

Schreiben ist loslassen

Sobald Sie die Gelegenheit dazu haben, verarbeiten Sie Ihre Erlebnisse, indem Sie darüber schreiben. Schreiben Sie Ihren Ärger auf, ohne auf die Wortwahl zu achten oder darauf, ob das gesagte förderlich oder fair ist. Lassen Sie Ihrem Frust freien Lauf. Schicken Sie diese Texte allerdings nicht an die Beteiligten. Führen Sie ein Tagebuch, um das, was täglich anfällt, gleich loszulassen.

Die Situation annehmen

Nicht jedes Anliegen hat eine Lösung. Wenn keine unmittelbar in Sicht ist, wo ist die Chance hier? Anstatt „Alles oder nichts“ zu wollen, geben Sie ihr Bestes.

 

Dieser Artikel wurde mitinspiriert von einem Artikel der American Psychological Association zum Thema Anger Management http://www.apa.org/topics/anger/control.aspx

 

3 comments to Zorn ist ein Geschenk

  • Gabriele Haar

    wenn Zorn ein Geschenk ist, dann bin ich von unserem Schöpfer
    reich beschenkt worden.

    Schöne Grüße!!

  • Sylvia Schalk

    Der Artikel hat mir sehr geholfen. Jetzt bin ich wieder ein Stück weiser und es hilft mir jetzt noch mehr meine Exbeziehung zu verarbeiten :)) Ich gebe es gern weiter!

  • Gerhard Evers

    Die Gedanken sind bemerkenswert, insbersondere auch was die energetische Kraft angeht, wenn sie foerderlich genutzt werden kann.
    Ich frage mich, ob unser Problem nicht ein zu wenig an ausgelebten Zornes ist, wenn ich mir anschaue, was wir alles jeden Tag anrichten, obwohl wir die Ergebnisse dessen eigentlich gar nicht wollen. (Stichwort: Gewalt gegen die Natur, Gewalt gegen andere Menschen, Gewalt gegen uns selbst)
    Meine Erfahrung ist auch persoenlich, dass wenn ich meinen echten Zorn ausgelebt habe, dass er wichtige Anstoesse zu einer erfolgreichen, loesungsorientierten Veraenderung gegeben hat.
    Mag altmodisch und arrogant klingen, aber irgendwie stimmt es mit meiner Erlebniswelt ueberein:
    Wenn der Kluegere (Bewusstere) immer nachgibt, wird die Welt bald von den Dummen (Unbewussten) regiert.

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